atelier 1/92, S.35-37, atelier Verlag GmbH, Köln

Emö Simonyi
Ansichten des Lebens von innen

vorgestellt von Heinz Thiel

       Emö Simonyi ist Zeichnerin. Blätter und Bilder zeigen deutlich, daß sie vehement, expressiv, ja manchmal vielleicht sogar ekstatisch arbeitet; man sieht es am Pinselstrich, aber vor allem am 'Inhalt', an dem was sie erzählt. Emö Simonyi ist eine übersprudelnde Erzählerin, und sie erzählt in sehr figurativer Weise. Man ist versucht, das ihrem 'ungarischen Temperament' zuzuschreiben, denn wer sie erlebt, wird mit der gleichen Spannung und Erregung in Leben und Werk konfrontiert. Sie als 'unruhigen Geist' zu bezeichnen, ist wahrscheinlich ein vertretbarer Allgemeinplatz; sie ist ständig auf Achse und überall zu Hause. Seit 1971 lebt Emö Simonyi in München, aber dort war sie in den vergangenen drei Jahren nicht häufig anzutreffen. Österreich, Indien, Italien waren einige ihrer Arbeitsstationen, und seit den ersten politischen Liberalisierungen immer wieder auch ihr Heimatland Ungarn.         
       In Budapest ist Emö Simonyi 1943 geboren worden, von 1961 bis 1967 hat sie an der dortigen Kunstakademie Malerei studiert. Diese handwerklich geprägte Ausbildung der sozialistischen Kunstschulen versetzt sie in die Lage, den unablässigen. Strom ihrer Bilder und Erzählungen spontan umzusetzen.        
Die Zeichnungen erregen und wühlen auf, so sehr, daß es manchem Betrachter schon zuviel wird und er sich abwendet. Man kann die Zeichnungen der letzten Jahre wild nennen, aber ihre Wildheit hat nichts mit dem zu tun, was als 'wilde Malerei' apostrophiert wurde. Die Wildheit in den Zeichnungen und Gemälden von Emö Simonyi ist eine 'innere' Wildheit. Sie ist eher an den literarischen Expressionismus als an die 'Jungen Wilden' der Malerei gebunden.
        Emö Simonyi ist eine Einzelgängerin. Und das, obwohl sie mit all ihren künstlerischen Wurzeln in der europäischen Kunst und Kultur verankert ist. Gar manchem werden ihre Figurationen erschreckend vorkommen, aber sie sind uns allen dennoch vertraut - vorausgesetzt, wir bewegen uns auf einer gemeinsamen Bildungsebene. Das kulturelle Wissen, das wir Bildung nennen, paralysiert die Schrecken, die uns aus den Zeichnungen anspringen, es liefert de Schubladen, in die wir verstauen können, was wir nicht auf Anhieb verdauen können.        
       Die Zeichnungen von Emö Simonyi sind geradezu exzessiv narrativ, aber sie erzählen dennoch keine Geschichte. Man kann Zustände an ihnen ablesen und auch Bruchstücke von Geschichten erkennen, aber sie brauchen ein weiteres Umfeld, um sich entfalten zu können. Dazu sind nicht neuerliche Zeichnungsblätter notwendig. Das Umfeld kann ganz einfach in der Assoziationsbereitschaft des Betrachters liegen. Wer die Geschichte weiterspinnt, hat Teil an ihr, erfüllt sie mit Leben und ist damit Teil ihres Lebens. Gleichermaßen ist auch die Geschichte Teil seines, also unseres (Alltags)Lebens. Und an dieser Stelle wird die kulturelle Verankerung bedeutsam: sie weist den Gestalten und Geschichten Plätze zu, die nahe genug an unserem Weg liegen, so daß wir sie sehen, aber weit genug entfernt sind, um uns nicht von ihnen aus der Bahn werfen zu lassen. Was Emö Simonyi auf ihren Zeichnungen festhält, gehört zur Nachtseite unseres Lebens. Es können die Bilder unserer Triebe sein, mit denen wir hier konfrontiert werden. Es sind dabei nicht selten die unbedachten Formulierungen, die uns vor Augen geführt werden. Hier haben wir etwa, was und wer uns 'ankotzt'. In gewisser Weise zeigt uns die Künstlerin die Ansicht des Lebens von innen. In den Bildern kristallisiert sich, was man empfinden möchte, - und dadurch wird deutlich, daß man gerade das meiste nicht empfinden kann.
        Emö Simonyi interpretiert den Menschen und sein Leben auf eine im Figürlichen nachvollziehbare Weise, wie wir es in der westlichen Kunst seit den Klassikern der Moderne nicht mehr gesehen haben. Ihre Stärke liegt in der Zeichnung und das legt das Mißverständnis von Illustration nahe. Uns ist durch die internationalen Stilarten vom Informel bis zur arte povera das Gespür für die figürliche Auseinandersetzung mit Leib und Begierde in der bildenden Kunst verloren gegangen. Das (Be)Zeichnen der Welt hat sich zurückgezogen in die Welt der Comics, also in den Bereich der Alltagsunterhaltung. Signorellis Fabulierkunst (als ein Beispiel) können wir genießen, weil sie so unzweideutig zur Geschichte gehört, aber schon Guttusos Zeichnungen zu Dantes Göttlicher Komödie brauchen das Band zur Literatur, damit wir sie als Kunst der Zeit akzeptieren.


        Impulsive Negative


        Die Zeichnungen von Emö Simonyi treten offen vor den Betrachter, sie verleugnen nicht, daß sie spontan und impulsiv entstanden sind, wenig abgeklärt in der mitivischen Formulierung. Die Künstlerin greift zu allen verfügbaren Materialien, wenn es darum geht, ein im Kopf entstandenes Bild festzuhalten. Wenn kein Pinsel, keine Feder zur Hand ist, um die Tusche aufs Papier zu bringen, dann nimmt sie einen dünneren Ast oder ein gerolltes Stück Papier. Solche ungewöhnlichen Federn benutzt sie auch, um einen Widerstand in den Gestaltungsprozeß einzubauen. Das Durchgestalten von Ideen und Motiven geschieht durch wiederholtes Formulieren. Und da Emö Simonyi eine perfekte Technikerin ist, wird leicht mal eine Form zu glatt und verliert ihre Wandlungsfähigkeit. Ein 'grober' Pinsel bringt dann wieder die Brüchigkeit und Lebendigkeit ins Bild.
        Die Figuren in den Zeichnungen werden von Emö Simonyi umrissen, sie werden eingeschlossen von einer Linie. Selten nur wird diese zeichnerische Charakterisierung zugunsten einer dem Malerischen zuneigenden flächigen Figurendefinition aufgegeben. Gleichwohl wird die Fläche zu einem aussagestarken Bildelement. Einzelfguren und Figurengruppen sind eingebettet in angedeutete Landschaften oder Räume. Der Bildhintergrund scheint aber in allen Fällen nur die Isolation der Figur(en) zu unterstreichen. Und da geschieht es nicht selten, daß der Hintergrund fast flächig schwarz wird und die weißen Figuren als ein nicht ganz 'sauberes' Negativ darinnen oder darüber stehen. Emö Simonyi unterstreicht damit das dialektische Spiel von der Zweidimensionalität des Materials und der Dreidimensionalität der Imagination. Die Figuren und Szenen sollen keine greifbare Realität gewinnen, sie sollen sich immer wieder zurückziehen können ins Dunkel.
        Emö Simonyi hat viele Vor-Bilder. Bilder wachsen ihr aus Bildern. Und so ist es unerheblich, ob die Anregung von eigenen oder fremden Bildformulierungen kommt. Innovation ist der Künstlerin weniger wichtig, als die Lebendigkeit der Bilder. In der Lebendigkeit liegt dann allerdings der Schlüssel zur Innovation, denn die Vor-Bilder kommen nicht ungeschoren davon. Emö Simonyi tippt nur an, sie 'zitiert' nicht; sie wandelt um und interpretiert. Ihre 'Evangelisten' erinnern an die Wasserspeier gotischer Kirchen, die mit ihrem Chimären-Charakter die christliche mit der griechisch-heidnischen Welt verbanden. Die 'Evangelisten' sind abgehoben, kotzen auf die Welt herab. Sie sind weniger Sprachrohr, sondern vielmehr Speirohr. Ihr angestamtes 'Bild' bekommt damit eine zusätzliche Ebene. Es ist nicht gesagt, daß diese Ebene neu ist, vielleicht war sie bislang nur weitgehend verdeckt.
        Emö Simonyi siedelt die uns vertrauten Bilder an fremden Orten an. Sie hat 'Grünen Drachen' gezeichnet, die einer Inszenierungsskizze einer 'Krieg der Sterne'-Verfilmung entnommen sein könnten. Die mit ihnen verwandten 'geflügelten Teufel' sind ein Fingerzeig auf die nahe Verwandschaft zwischen Batman und den apokalyptischen Vorstellungen des Renaissancemalers Luca Signorelli (im Dom von Orvieto). Manche fratzenhafte Figur erinnert deutlich an mittelalterliche Malerei und Skulptur.
        Gier und Entsetzen sind bei Emö Simonyi siamesische Zwillinge. Schlingen und Erbrechen sind dafür die zeichenhaften Bilder. Und da erweist sich dann, daß jede Nuance einer Formulierung eine Stufe auf dem Weg hinab zu den Urbildern ist. Da schlingen Menschen und vogelköpfige Wesen die Leiber von anderen in sich hinein, nicht kannibalisch, sondern eher wie die sich selbst gebärende und verzehrende Schlange Uroboros. Da wird einem das Maul mit der Brust gestopft und zugleich brüstet man sich damit oder nimmt den anderen zur Brust.
        Deutlich, aber nicht eindeutig ist, was Emö Simonyi den Figuren in ihren Zeichnungen widerfahren läßt. Die herausgestreckte Zunge - formal und im Ausdruck gar nicht so anders als die entgegengestreckte Brust - ist traditionelles Zeichen der Abwehr des Bösen, aber ebenso ein christlich stigmatisiertes Bild 'zügelloser', weil 'züngelnder' Lust und Verführung. Der "Heilige Georg" ist in diesem Umkreis kein stolzer und erhobener Held, dem das Böse sich zu Füßen windet, sondern jemand, der Körper mit Körper bekämpft. Wieviel körperliche Lust dabei entsteht oder bekämpft werden muß, entscheidet der Blick des Betrachters. Er interpretiert im Wechselspiel von hell und dunkel die Kräfte von Anziehung und Abstoßung.
        Man muß sich den Spannungen der Themen und Bilder aussetzen, um die Kunst von Emö Simonyi genießen zu können.

Abbildungen
Emö Simonyi, "Böhm oder die Krankenbahre"
Emö Simonyi, "Evangelist II"  

 

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